Winterakademie „Nothing is New, Neither Is Anything Old“? Evolution in Natur, Kultur und Gesellschaft
Das kunstgeschichtliche Zitat erscheint zunächst paradox, beschreibt aber einen Gedanken, der weit über die Kunst hinausreicht: Wirklich Neues entsteht selten aus dem Nichts. Es entwickelt sich aus Vorhandenem – durch Variation, Rekombination und Selektion. Zugleich bleibt auch das Bestehende nicht unverändert, sondern wird fortlaufend neu interpretiert, angepasst und in neue Zusammenhänge eingebettet.
Diese Überlegung bildet den Ausgangspunkt der Winterakademie. Ausgehend vom biologischen Evolutionsbegriff fragen wir, ob Evolution als übergreifendes Prinzip des Wandels verstanden werden kann: von der Chemie und Biologie über Medizin, Wirtschaft und Gesellschaft bis hin zu den Künsten. Welche Faktoren fördern Innovation? Warum setzen sich manche Ideen, Formen oder Technologien durch, während andere verschwinden? Wie entstehen Vielfalt und Komplexität? Und welche Spuren der Vergangenheit prägen unser Denken und Handeln bis heute?
Wir laden dazu ein, das Hier und Jetzt in der Dimension evolutionärer Zeiträume zu betrachten und Gemeinsamkeiten zwischen Natur-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften zu entdecken. Das vermeintliche Paradox des Künstlers Robert Smithson wird dabei zum Leitgedanken: Das Neue trägt stets auch Vergangenheit in sich, und das Alte bleibt nur lebendig, indem es sich verändert.
Zur Winterakademie (21.–27.02.2027) ziehen sich Mentorinnen/Mentoren und Studierende für eine Woche in den Bregenzerwald zurück. Dort befassen wir uns interdisziplinär mit dem Leitthema und greifen dabei auf verschiedene wissenschaftliche Ansätze sowie künstlerische Praktiken zurück. Während die Vormittage zur freien Verfügung stehen (z. B. Skifahren und Winterwandern), werden am Nachmittag und Abend die im Semester erarbeiteten Präsentationen vorgestellt und debattiert. Die Kosten für die Unterkunft (DZ inkl. Halbpension) betragen 672 € pro Person; hinzu kommen individuelle Reisekosten.
Prof. Dr. Renate Buschmann
Ich bin Kunstwissenschaftlerin und seit 2020 im Studium fundamentale am WittenLab tätig. An meinem Lehrstuhl „Digitale Künste und Kulturvermittlung“ beschäftige ich mich mit Themen und Entwicklungen der technologie- und zeitbasierten Künste seit der Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute und mit Formaten der Kulturvermittlung, die daraus entstehen. Lassen Sie uns über die Potenziale von Kunst sprechen, um die Gegenwart kritisch zu reflektieren und positive Ansätze zu entwickeln.
Prof. Dr. Hagen Bachmann
Prof. Dr. med. Hagen Bachmann ist Inhaber des Lehrstuhls für Pharmakologie und Toxikologie. Seine Forschung beschäftigt sich mit der Wirkung von Arzneistoffen, genetischer Variabilität und der Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze. Ein Schwerpunkt seiner Arbeitsgruppe liegt auf Protein-Prenyltransferasen und ihren Hemmstoffen. Diese sind unter anderem für Krebserkrankungen, seltene Erkrankungen wie Progerie und neue antibakterielle Wirkstrategien relevant. Für die Winterakademie interessiert ihn besonders, wie evolutionäre Prozesse in sehr unterschiedlichen Feldern wirksam werden: in Molekülen und Krankheitserregern, in Arzneistoffen und Gesundheitssystemen, aber auch in therapeutischen Konzepten, in denen Kunst und Musik eine Rolle spielen.
Dr. Jan Postberg
Prof. Dr. Jan Postberg ist Professor für Klinische Molekulargenetik und Epigenetik an der Universität Witten/Herdecke und leitet ein Forschungslabor am Helios Universitätsklinikum Wuppertal. Seine Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von Genetik, Epigenetik und Evolution. Besonders interessiert ihn, wie aus kleinen Veränderungen im Erbgut und seiner Regulation neue biologische Funktionen entstehen – und wie sich diese über Millionen Jahre in der Evolution durchsetzen oder wieder verschwinden.
Dr. Alexander Jakobidze-Gitman
Ich bin ausgebildeter Konzertpianist, promovierter Filmwissenschaftler und selbstgelernter Musikwissenschaftler. Mich begeistert besonders, die Reflexion über die Künste und künstlerische Praxis aufeinander beziehen zu können, sei es bei meinen Lehrveranstaltungen oder Gesprächskonzerten. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Theorie und intuitives Erlebnis der Künste keine sich ausschließenden Gegensätze sind, sondern Gegenpole, die sich wechselseitig herausfordern und anregen.
Benjamin Ziegs, M.Sc.
Benjamin Ziegs, LL.M., M.Sc., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am WIFU-Stiftungslehrstuhl für Recht der Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Witten, Bologna und St Andrews sowie Wirtschafts- und Steuerrecht an der Ruhr-Universität Bochum. Über die eigene Disziplin hinauszudenken, ist ihm ein besonderes Anliegen – nicht zuletzt, weil er sich abseits der Rechtswissenschaft leidenschaftlich für die Wechselwirkung von Mensch, Musik und Kunst interessiert. Als bekennender Opernliebhaber und ambitionierter Hobby-Kunstsammler ist er von einem barrierefreien Zugang zu Kunst und Kultur überzeugt und entdeckt gern neue Werke, Künstler und Künstlerinnen sowie Perspektiven auf die großen und kleinen Fragen des Lebens.
Teilnahmemodalitäten
Die Kosten für die Unterkunft (DZ inkl. Halbpension) betragen 672 € pro Person; hinzu kommen individuelle Reisekosten.
Ziele & Kompetenzen
Im Rahmen des Seminars erfolgt eine vertiefte Auseinandersetzung mit evolutionären Prozessen in Natur, Kultur und Gesellschaft sowie der Frage, inwieweit gleichermaßen Kontinuität und Disruption solche langfristigen Transformationen prägen. Die Bandbreite möglicher Fragestellungen erstreckt sich von der Evolution des Genoms, von Krankheitserregern oder Arzneimitteln über die Entwicklung von Musik, künstlerischen Ausdrucksformen und wirtschaftlichen Systemen bis hin zur Frage, ob Ideen selbst einer kulturellen Evolution unterliegen.
In diesem von fünf Mentor*innen aus fünf verschiedenen Fachdisziplinen geleiteten Seminar erwerben die Studierenden Kenntnisse, wie verschiedene Wissenschaften das Leitthema behandeln und wie diese multiperspektivischen Ansätze miteinander in Verbindung gesetzt werden können. Zudem lernen sie, größere Zeitdimensionen, die das eigene Leben und das kommender Generationen bei Weitem überschreiten, zu betrachten und die Konsequenzen des eigenen Handelns als Baustein für sehr weitreichende Entwicklungen zu erkennen.
Die Studierenden erleben, dass die Einsichten unterschiedlicher Disziplinen einander bereichern und dazu anregen, neue und tiefergehende Fragestellungen zu formulieren. Anstatt vorschnell und intuitiv naheliegenden Erklärungen zu folgen, werden wir angeleitet, zunächst die relevanten Fragestellungen zu identifizieren, die Geschichte des jeweiligen Phänomens zu berücksichtigen und ein möglichst breites Spektrum potenziell wirksamer Faktoren zu recherchieren. Zudem üben sie interdisziplinäre Kommunikation, entwickeln Verständnis für andere Wissensgebiete und reflektieren über Wissensproduktion und deren Abhängigkeit von fachspezifischer Methodik.