Schrecken in Tönen: Von der Gottesfurcht zum Tabubruch

Alexander Jakobidze-Gitmann und weitere Dozierende
Die Geschichte der abendländischen Musik ist seit jeher von gegensätzlichen Tendenzen geprägt: dem Bestreben, sie einerseits moralischen Vorgaben zu unterwerfen, und andererseits die Grenzen des Vorstellbaren und Erlaubten zu erweitern. Dieser Widerspruch zeigt sich besonders deutlich in den jahrhundertelangen Bemühungen, Angst und Furcht musikalisch darzustellen.
Bereits in der frühen Neuzeit begegnen wir zwei parallelen Entwicklungen: Zum einen versuchte man, Musik christlichen Grundsätzen anzupassen. Zum anderen experimentierten Komponist:innen mit neuen Ausdrucksmitteln, um die vielfältigen Reaktionen auf Bedrohungen – wie Kämpfen, Flüchten oder Erstarren – differenziert hörbar zu machen.
Im 19. Jahrhundert erreichte die emotionale Vielfalt einen Höhepunkt, während bürgerliche Werte viele angstbezogene Themen tabuisierten. Im 20. Jahrhundert brachen Psychoanalyse, Avantgarde und der Horrorfilm diese Tabus auf. Besonders die 1970er Jahre verdeutlichen, wie Musik Schrecken und Panik erfahrbar macht und Bedrohungsarten wie Gewalt, Paranormales oder psychische Obsessionen klanglich inszeniert.

Horror in Music: From the Fear of God to the Breaking Of Taboos

The history of Western music has always been characterised by conflicting tendencies: on the one hand, the endeavour to subject it to moral precepts, and on the other, to expand the boundaries of the imaginable and the permissible. This contradiction is particularly evident in the centuries-long efforts to depict fear and anxiety in music.
In the early modern period, we already see two parallel developments: on the one hand, attempts were made to adapt music to Christian principles. On the other hand, composers experimented with new means of expression to make the diverse reactions to threats – such as fighting, fleeing or freezing – audibly distinct.
In the 19th century, the emotional diversity reached a peak, while bourgeois values made many fear-related topics taboo. In the 20th century, psychoanalysis, avant-garde and horror films broke these taboos. The 1970s in particular illustrate how music makes terror and panic tangible and how it stages various types of threat, such as violence, the paranormal or psychological obsessions.

What do I need to know to participate?
Interest in the topic, willingness to read and listen to music with concentration

How will we learn?
In the seminar we will read excerpts from texts from the 17th to the 21st century that deal with the musical representation of anxious feelings and relate them to numerous musical examples from different epochs – from baroque tone painting to the latest sound experiments.

Seminar Goal
This seminar examines the musical representation and triggering of terror, fear and anxiety, as well as their cultural and social contexts. Using examples from music history from the 17th to the 20th century, we will explore how composers use musical means to stage threatening moods and emotional extremes and question social taboos.

Maximum number of participants
30

 

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Alexander Jakobidze-Gitmann
Ich bin ausgebildeter Konzertpianist, promovierter Filmwissenschaftler und selbstgelernter Musikwissenschaftler. Mich begeistert besonders, die Reflexion über die Künste und künstlerische Praxis aufeinander beziehen zu können, sei es bei meinen Lehrveranstaltungen oder Gesprächskonzerten. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Theorie und intuitives Erlebnis der Künste keine sich ausschließenden Gegensätze sind, sondern Gegenpole, die sich wechselseitig herausfordern und anregen.
E-Mail: Alexander.Jakobidze-Gitman@uni-wh.de
Andreas Domann
Andreas Domann, geboren in Berlin, studierte bis 2006 Musikwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Von 2003 bis 2004 war er Mitarbeiter in einem DFG-Drittmittelprojekt. Von 2008 bis 2011 arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Musikwissenschaft und -pädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen, anschließend am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln. 2010 wurde er zum Dr. phil. promoviert. 2015 übernahm er die Schriftleitung des Archivs für Musikwissenschaft. 2022–2024 Vertretung der Professur für Historische Musikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. 2023 erfolgte die Habilitation im Fach Musikwissenschaft sowie die Verleihung der Lehrbefugnis an der Universität zu Köln.
E-Mail: adomann@uni-koeln.de
Was muss ich mitbringen?

Interesse am Thema, Bereitschaft zur Lektüre und zum konzentrierten Musikhören

Wie werden wir lernen?

Im Seminar lesen wir Auszüge aus Texten vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, die sich mit der musikalischen Darstellung ängstlicher Gefühle befassen, und setzen diese in Beziehung zu zahlreichen Musikbeispielen aus verschiedenen Epochen – von barocker Tonmalerei bis hin zu den neuesten Klangexperimenten.

Ziel der Veranstaltung

Dieses Seminar untersucht die musikalische Darstellung und Auslösung von Schrecken, Angst und Furcht sowie ihre kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte. Anhand von Beispielen aus der Musikgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert beleuchten wir, wie Komponist:innen bedrohliche Stimmungen und emotionale Extreme mit musikalischen Mitteln inszenieren und gesellschaftliche Tabus hinterfragen.

Max. Teilnehmendenzahl

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